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Es gibt im allgemeinen nur einen winzigen Unterschied zwischen Profil
und Respekt. Im Pop ist er jedoch essenziell. Dort erwirbt man das eine
schon mit einer Neigung zu ausgefallener Haartracht, spektakulären
Video-Auftritten und Millionen verkaufter Platten. Das andere jedoch bleibt
für die meisten unerreichbar schon, weil man mit dem verzweifelten
Bemühen darum viel eher sein Profil ruiniert als den erhofften Respekt
erlangt. Frag nur mal Britney Spears.
» Unter ihrem knappen Top wölbt sich ein kleines Bäuchlein.
«
Und so ist auch zunächst Skepsis geboten bei Pink, die vor zwei Jahren
als quietschfideler RnB-Misfit auf der Bühne erschienen
ist und nun allenthalben als große Pop-Hoffnung gepriesen wird.
Gut, sie hat die sicheren Gewässer des derzeit so erfolgreichen amerikanischen
Teenie-Soul verlassen und für ihr sehr unorthodoxes, bisweilen punkiges
Album Missundaztood überwiegend selbst zur Feder gegriffen.
Schön, der Skandal- Rapper Eminem gehört zu ihren Fans, und
Britney Spears soll unlängst das Hotel verlassen haben, als sie erfuhr,
dass Pink im selben Hause wohnt. All das spricht unbedingt für sie.
Und doch ist es eher eine kleine Geste, ein kurzer Moment während
ihres einzigen Deutschland-Konzerts im Kölner E-Werk, der die Ernsthaftigkeit
ihrer Sache belegt. Irgendwann hält sie inne, und auf der Leinwand
erscheinen die Bilder zweier verstorbener Kolleginnen. Schon fürchtet
man das übliche, oft in tränenheischende Rührseligkeit
abgleitende Trauer-Medley, da erscheint, in kurzer Abfolge, noch ein ganzes
Dutzend Bilder verblichener Heroinen, ehe der Projektor just bei Ella
Fitzgerald stoppt, und Pink zu einer ebenso eigenwilligen wie großartigen
Interpretation von Gershwins Summertime ansetzt.
Jede andere aus ihrer Generation hätte sich mit einer solchen Nummer
bis auf die Knochen blamiert. Pink jedoch, die mit bürgerlichem Namen
Alecia Moore heißt und eben erst 23 geworden ist, baut sie derart
unaufdringlich in ihr Programm ein, dass sich jeder Verdacht der Ranschmeiße
strikt verbietet.
Sowieso tendiert sie live zu Mollgetönt-Jazzigem, unterstützt
wird sie von einer fünfköpfigen, gut eingespielten Band. Und
anders als bei Hitpararadenstars üblich, verzichtet sie gänzlich
auf Zuspielungen vom Band und verkneift sich dämliche Tanz-Übungen.
Niemand im Publikum das zu über der Hälfte aus Mädchen
besteht verpasst deswegen irgendwas. Zwar gelang ihr der internationale
Durchbruch, als sie in Spitzenunterwäsche durch eine Coverversion
des Disco-Hits Lady Marmelade rauschte; zwar eröffnet
sie den Abend mit ihrem furiosen, zurecht auf der ganzen Welt goldveredelten
Hit Lets Get The Party Started: Die meisten ihrer Songs
offenbaren jedoch Entfremdung, sexuelle Unsicherheit, oft undifferenziertes
Dagegensein, mithin das wirkliche Leben. Wäre sie aus England,
drogenabhängig und mit einem Penis ausgestattet, wäre sie ein
Indie-Idol, schrieb der New Musical Express über ihre Nummer-eins-Single
Just Like A Pill, die von therapieresistenten Selbstzweifeln
kündet den Angstballaden von Radiohead tatsächlich nicht
unähnlich.
» Ähnlich wie vor zwanzig Jahren Boy George solidarisiert
sie sich in ihrer Musik und ihrer Selbstdarstellung mit so ziemlich allen
Gruppen, die gesellschaftlich um Anerkennung ringen. «
So mag sie einige Freunde verloren haben, noch mehr jedoch hat sie dazu
gewonnen. Zehn Millionen Käufer fand die neue Platte schon. Die Teenie-Magazine
nähern sich ihr mit vorsichtiger Neugier, denn eine wie sie passt
nicht ins Schema. Anders als Britney, die die Mädchen anhimmeln,
anders aber auch als Madonna, die die Mädchen ehrfürchtig bewundern,
nehmen sie Pink als eine der ihren wahr, als Verbündete gegen die
Unbilden des jugendlichen Daseins. Wozu unbedingt auch ihr Äußeres
beiträgt: Sie schminkt sich schlampig; ihre immer wechselnden Haarfarben
haben vor allem damit zu tun, dass sie das naturgegebene, mittlere Mausgrau
als Heimsuchung der Natur empfindet; unter ihrem knappen Top wölbt
sich ein kleines Bäuchlein. Um die Fanreihen zu überblicken,
muss sie gelegentlich auf eine der Boxen steigen, weil sie so klein ist.
Dont wanna be my friend no more / I wanna be somebody else,
singt Pink in ihrem vielleicht besten Song, der Ballade Dont
Let Me Get Me, einer Abrechnung mit ihrer Mutter und deren unverhohlenem
Unmut über die Imperfektion des Mädchens. Dicke Alecia, böses
Kind! Ein Freak wie wir ist sie, und dafür wird sie geliebt.
Ähnlich wie vor zwanzig Jahren Boy George solidarisiert sie sich
in ihrer Musik und ihrer Selbstdarstellung mit so ziemlich allen Gruppen,
die gesellschaftlich um Anerkennung ringen: den Frauen, den Schwarzen,
den Homo sexuellen. Das mag kalkuliert sein, überzeugend klingt es
dennoch, wenn die Lady den Blues singt, von Beziehungsterror, verlorenen
Zukunftsträumen, Doppelmoral. Von letzterer hat sie sich ohnehin
erst kürzlich wieder persönlich überzeugen können.
In England musste die Fernseh-Show CD:UK kurzfristig aus dem
Programm genommen werden, weil Pink bei der Aufzeichnung ein T-Shirt mit
der Aufschrift You fucking bitch trug. 25 Jahre nach dem legendären
Auftritt der Sex Pistols in der Bill-Grundy-Show tut das britische Fernsehen
so, als hätte es Jean-Paul Gaultier, Fergie, die Love Parade und
mindestens zwei Punk-Revivals nie gegeben.
All das mehrt natürlich ihren Ruf als neurotische Außenseiterin,
als eine Art Tank Girl in einer Riege goldgelockter Barbie-Puppen. Zwangsläufig
hat sie als solche auch schon die Kino-Industrie im Visier. In der neuen
Folge von Drei Engel für Charlie darf Pink ihre Bürgerschreck-
Qualitäten erstmals ungehemmt vor der Film-Kamera unter Beweis stellen.
Nicht, dass sie diese Aussicht mit all zu großer Euphorie erfüllt,
das Scheitern ist bei einer wie ihr stets einkalkuliert. Goin
to California / Ill write you what I see / Goin to California
/ Somebody say a prayer for me, singt sie, ehe sie nach viel zu
kurzen anderthalb Stunden die Bühne wieder verlässt. So viel
Realitätssinn verdient Respekt. Ein großer Abend ist zu Ende.
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