11.11.2002 10:36

Die Sängerin Pink

Trash ist sexy

Ein Freak wie wir: Die Sängerin Pink erzählt schlecht geschminkt vom ungeschminkten Leben
CHRISTIAN SEIDL


Jede andere aus ihrer Generation hätte sich mit einer solchen Nummer bis auf die Knochen blamiert. (dpa SZ v. 11.11.2002)

Es gibt im allgemeinen nur einen winzigen Unterschied zwischen Profil und Respekt. Im Pop ist er jedoch essenziell. Dort erwirbt man das eine schon mit einer Neigung zu ausgefallener Haartracht, spektakulären Video-Auftritten und Millionen verkaufter Platten. Das andere jedoch bleibt für die meisten unerreichbar – schon, weil man mit dem verzweifelten Bemühen darum viel eher sein Profil ruiniert als den erhofften Respekt erlangt. Frag nur mal Britney Spears.

» Unter ihrem knappen Top wölbt sich ein kleines Bäuchlein. «

Und so ist auch zunächst Skepsis geboten bei Pink, die vor zwei Jahren als quietschfideler R’n’B-Misfit auf der Bühne erschienen ist und nun allenthalben als große Pop-Hoffnung gepriesen wird. Gut, sie hat die sicheren Gewässer des derzeit so erfolgreichen amerikanischen Teenie-Soul verlassen und für ihr sehr unorthodoxes, bisweilen punkiges Album „Missundaztood“ überwiegend selbst zur Feder gegriffen. Schön, der Skandal- Rapper Eminem gehört zu ihren Fans, und Britney Spears soll unlängst das Hotel verlassen haben, als sie erfuhr, dass Pink im selben Hause wohnt. All das spricht unbedingt für sie. Und doch ist es eher eine kleine Geste, ein kurzer Moment während ihres einzigen Deutschland-Konzerts im Kölner E-Werk, der die Ernsthaftigkeit ihrer Sache belegt. Irgendwann hält sie inne, und auf der Leinwand erscheinen die Bilder zweier verstorbener Kolleginnen. Schon fürchtet man das übliche, oft in tränenheischende Rührseligkeit abgleitende Trauer-Medley, da erscheint, in kurzer Abfolge, noch ein ganzes Dutzend Bilder verblichener Heroinen, ehe der Projektor just bei Ella Fitzgerald stoppt, und Pink zu einer ebenso eigenwilligen wie großartigen Interpretation von Gershwins „Summertime“ ansetzt.

Jede andere aus ihrer Generation hätte sich mit einer solchen Nummer bis auf die Knochen blamiert. Pink jedoch, die mit bürgerlichem Namen Alecia Moore heißt und eben erst 23 geworden ist, baut sie derart unaufdringlich in ihr Programm ein, dass sich jeder Verdacht der Ranschmeiße strikt verbietet.

Sowieso tendiert sie live zu Mollgetönt-Jazzigem, unterstützt wird sie von einer fünfköpfigen, gut eingespielten Band. Und anders als bei Hitpararadenstars üblich, verzichtet sie gänzlich auf Zuspielungen vom Band und verkneift sich dämliche Tanz-Übungen. Niemand im Publikum – das zu über der Hälfte aus Mädchen besteht – verpasst deswegen irgendwas. Zwar gelang ihr der internationale Durchbruch, als sie in Spitzenunterwäsche durch eine Coverversion des Disco-Hits „Lady Marmelade“ rauschte; zwar eröffnet sie den Abend mit ihrem furiosen, zurecht auf der ganzen Welt goldveredelten Hit „Let’s Get The Party Started“: Die meisten ihrer Songs offenbaren jedoch Entfremdung, sexuelle Unsicherheit, oft undifferenziertes Dagegensein, mithin das wirkliche Leben. „Wäre sie aus England, drogenabhängig und mit einem Penis ausgestattet, wäre sie ein Indie-Idol“, schrieb der New Musical Express über ihre Nummer-eins-Single „Just Like A Pill“, die von therapieresistenten Selbstzweifeln kündet – den Angstballaden von Radiohead tatsächlich nicht unähnlich.


» Ähnlich wie vor zwanzig Jahren Boy George solidarisiert sie sich in ihrer Musik und ihrer Selbstdarstellung mit so ziemlich allen Gruppen, die gesellschaftlich um Anerkennung ringen. «


So mag sie einige Freunde verloren haben, noch mehr jedoch hat sie dazu gewonnen. Zehn Millionen Käufer fand die neue Platte schon. Die Teenie-Magazine nähern sich ihr mit vorsichtiger Neugier, denn eine wie sie passt nicht ins Schema. Anders als Britney, die die Mädchen anhimmeln, anders aber auch als Madonna, die die Mädchen ehrfürchtig bewundern, nehmen sie Pink als eine der ihren wahr, als Verbündete gegen die Unbilden des jugendlichen Daseins. Wozu unbedingt auch ihr Äußeres beiträgt: Sie schminkt sich schlampig; ihre immer wechselnden Haarfarben haben vor allem damit zu tun, dass sie das naturgegebene, mittlere Mausgrau als Heimsuchung der Natur empfindet; unter ihrem knappen Top wölbt sich ein kleines Bäuchlein. Um die Fanreihen zu überblicken, muss sie gelegentlich auf eine der Boxen steigen, weil sie so klein ist. „Don’t wanna be my friend no more / I wanna be somebody else“, singt Pink in ihrem vielleicht besten Song, der Ballade „Don’t Let Me Get Me”, einer Abrechnung mit ihrer Mutter und deren unverhohlenem Unmut über die Imperfektion des Mädchens. Dicke Alecia, böses Kind! Ein Freak wie wir ist sie, und dafür wird sie geliebt.

Ähnlich wie vor zwanzig Jahren Boy George solidarisiert sie sich in ihrer Musik und ihrer Selbstdarstellung mit so ziemlich allen Gruppen, die gesellschaftlich um Anerkennung ringen: den Frauen, den Schwarzen, den Homo sexuellen. Das mag kalkuliert sein, überzeugend klingt es dennoch, wenn die Lady den Blues singt, von Beziehungsterror, verlorenen Zukunftsträumen, Doppelmoral. Von letzterer hat sie sich ohnehin erst kürzlich wieder persönlich überzeugen können. In England musste die Fernseh-Show „CD:UK“ kurzfristig aus dem Programm genommen werden, weil Pink bei der Aufzeichnung ein T-Shirt mit der Aufschrift „You fucking bitch“ trug. 25 Jahre nach dem legendären Auftritt der Sex Pistols in der Bill-Grundy-Show tut das britische Fernsehen so, als hätte es Jean-Paul Gaultier, Fergie, die Love Parade und mindestens zwei Punk-Revivals nie gegeben.

All das mehrt natürlich ihren Ruf als neurotische Außenseiterin, als eine Art Tank Girl in einer Riege goldgelockter Barbie-Puppen. Zwangsläufig hat sie als solche auch schon die Kino-Industrie im Visier. In der neuen Folge von „Drei Engel für Charlie“ darf Pink ihre Bürgerschreck- Qualitäten erstmals ungehemmt vor der Film-Kamera unter Beweis stellen. Nicht, dass sie diese Aussicht mit all zu großer Euphorie erfüllt, das Scheitern ist bei einer wie ihr stets einkalkuliert. „Goin’ to California / I’ll write you what I see“ / Goin’ to California / Somebody say a prayer for me”, singt sie, ehe sie nach viel zu kurzen anderthalb Stunden die Bühne wieder verlässt. So viel Realitätssinn verdient Respekt. Ein großer Abend ist zu Ende.

Quelle: www.sueddeutsche.de



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